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Dies sind die Schriftlesung und die Predigt zur

Indienststellung des neuen Rathausplatzes

der Gemeinde Essingen. Anlässlich eines ökumenischen Gottesdienstes am 22. Juni 2008 sprach Pfarrer Richard Hackländer auf dem neuen Rathausplatz.

Schriftlesung: Offenbarung 21,1-4 (RH)

1 Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde. Der erste Himmel und die erste Erde waren verschwunden und das Meer war nicht mehr da.[a]

2 Ich sah, wie die Heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkam. Sie war festlich geschmückt wie eine Braut für ihren Bräutigam.[a]

3 Und vom Thron her hörte ich eine starke Stimme rufen: »Dies ist die Wohnstätte Gottes bei den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein. Gott selbst wird als ihr Gott bei ihnen sein.[a]

4 Er wird alle ihre Tränen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben und keine Traurigkeit, keine Klage und keine Quälerei mehr. Was einmal war, ist für immer vorbei.«[a]

5 Dann sagte der, der auf dem Thron saß: »Gebt Acht, jetzt mache ich alles neu!« Zu mir sagte er: »Schreib dieses Wort auf, denn es ist wahr und zuverlässig.«[a]

6 Und er fuhr fort: »Es ist bereits in Erfüllung gegangen!



Die Predigt:

Liebe Gemeinde,

vom russischen Autoren Nikolajewitsch Tolstoi erzählt man sich folgende Geschichte: Als Tolstoi an einem sonnigen Tag durch den Park spazieren geht, wird er plötzlich von einer lärmenden Horde von Jungen in seinen Gedanken gestört. Die Jungen schlagen mit Holzstöcken aufeinander ein und grölen. Tolstoi beobachtet das Treiben solange, bis zwei größere Jungs auf einen Kleineren losgehen. Nun unterbricht er sie und fragt was sie denn da machen würden? Daraufhin erwidert der Anführer der Gruppe, dass sie spielen würden. Darauf hin fragt Tolstoi, was das für ein Spiel sei. Als Antwort bekommt er: "Wir spielen Krieg!" Tolstoi schaut sie an und meint streng: "Wieso spielt ihr nicht lieber Frieden?" Die Gruppe hört auf mit ihrem Treiben und ruft begeistert: „Hurra, wir spielen Frieden.“ Tolstoi geht zufrieden davon, bis er von einem Jungen eingeholt wird, der ihn fragt: "Frieden spielen? Wie geht das denn?"

Liebe Gemeinde,

Krieg spielen ist so einfach. Aber was ist Frieden? Der Krieg ist dramatisch und leicht zu spielen, aber Frieden? Im Alten Testament habe ich bei dem Propheten Sacharja, Kap. 8 folgende Vision eines Friedensreiches gelesen:

3 So spricht der HERR: Ich kehre zum Berg Zion zurück und werde mitten in Jerusalem wohnen. Jerusalem wird dann 'Stadt der Treue' heißen und der Berg, auf dem ich als Herrscher der Welt wohne, der 'Heilige Berg'.

4 So spricht der HERR, der Herrscher der Welt: Es werden wieder alte Menschen auf den Plätzen der Stadt sitzen, Männer und Frauen, den Stock in der Hand, auf den sie sich beim Gehen stützen müssen – ein so hohes Alter werden sie erreichen.

5 Und auf den Straßen wird es von spielenden Kindern, Jungen und Mädchen, wimmeln.

6 So spricht der HERR, der Herrscher der Welt: Wenn all das dem Überrest meines Volkes unmöglich erscheint, soll es dann auch für mich, den Herrscher der Welt, unmöglich sein?


Liebe Gemeinde,

dieses Friedensreich erscheint uns im Vergleich zu den Kriegsschauplätzen heute unspektakulär. Dabei ist es viel einfacher, eine Krieg vom Zaun zu brechen als einen Frieden zu stiften und zu bewahren. Wie sieht ein gelingendes Gemeinwesen aus? Denn hier dreht es sich ja nicht um einen Staat, sondern um eine Stadt, eine Ortschaft. Der Prophet Sacharja berichtet: Die Bürger der Stadt erreichen ein hohes Lebensalter, Ausdruck bester Lebensqualität, denn wer sein Lebtag schuftet unter schwierigen Bedingungen, der kann seinen Lebensabend nicht mehr genießen. Doch hier hören wir von Menschen, die im hohen Alter auf einem Platz sitzen und den Stock nutzen, um sich mobil zu halten und mit anderen zusammenzukommen.

Natürlich werden hier nicht nur Pensionäre sitzen. Ich bin sicher, dass auch die Jugend bei so schönem Wetter wie heute nicht nur im Jugendraum sich aufhalten wird, sondern dann auch hier draußen sitzt. Und wenn an solchen lauen Sommerabenden Menschen unterschiedlicher Generationen gar ins Gespräch kommen, dann ist uns das Miteinander hier wirklich gut gelungen.

Für den Propheten Sacharja gehören auch auf der Straße spielende Kinder zu einer Vision von Frieden.

  • Kinder, die Zeit bekommen, auf spielerische Weise ihre Fähigkeiten zu entdecken und zu entwickeln.
  • Menschen, die den Mut haben, Familien zu gründen.
  • Bürgerinnen und Bürger, die für sich und die nächste Generation eine Zukunft sehen und daran mitwirken wollen.

Erfreulicherweise gibt es in Essingen viele Kinder, die den Neubau der Grundschule und die anstehende Erweiterung des Kindergartens rechtfertigen. Eine Kommune, die tatsächlich Gemeinschaft lebt, schätzt ihre Mitmenschen auf ihre alten Tage und ist zugleich kinderfreundlich zukunftsgewandt. Tatsächlich halten sich hier öfters mal Grundschulkinder auf, auch wenn der alte Spielplatz renoviert und der neue Spielplatz bei den Kindern im Neubaugebiet errichtet wird.

Ein Platz wie dieser ist grundsätzlich offen und kommunikativ und erlaubt Einblicke wie Ausblicke. Dass wir nun das Rathaus sehen können, das um 1590 herum strategisch geschickt in eine Straßenkrümmung gebaut wurde, hat diesem Platz seinen selbstverständlichen Namen gegeben. Wolfgang von Dalberg, Erzbischof von Mainz, war damals der Ortsherr der Herrschaft Essingen und hat das Rathaus zum Gutteil finanziert. Der Kurfürst hat dazu beigetragen, dass der Ort Essingen sich positiv weiterentwickeln konnte. Er hat Essingen nicht nur einen bescheidenen wirtschaftlichen Aufschwung verschafft, sondern gemäß seinem Wahlspruch neben Wohlstand auch für das friedliche Miteinander gesorgt: „Pax parta tuenda“ heißt übersetzt: Ein erworbener Friede ist zu bewahren. Der Erzbischof hat darauf verzichtet, das damals lutherische Essingen wieder zum Katholizismus zu zwingen, sondern hat nur gelegentlich durch einen Priester Messen im Schloss abgehalten. Ein Miteinander von Jung und Alt, von Evangelischen und Katholischen, von Neubürgern und Alteingesessenen wünschen wir uns auch für heute. So wie wir heute - fast selbstverständlich – als Evangelische und Katholische, auch Bekenntnislose werden unter uns sein, gemeinsam einen Gottesdienst feiern, so soll auch die Zukunft von einer Gemeinschaft geprägt sein, die in den Unterschieden nicht ein Problem, sondern eine Chance sieht.

Ein Platz wie dieser hier soll der Zusammenkunft dienen, Menschen sollen zusammenströmen wie damals beim Dorfjubiläum letzten Jahres, als hier der Boule-Club im noch heute gerühmten „Franzosenhof“ Gäste stimmungsvoll bewirtete. Und für den Alltag wurden in der letzten Woche noch drei Bänke aufgestellt, die sich auf wechselnde Be-sitzer freuen. Denn was nutzt der schönste Platz, wenn er nicht angenommen und genutzt wird?

In der Offenbarung des Johannes wird wie bei Sacharja wird die Vision eines Friedensreiches gekrönt von der Aussage, dass Gott mitten unter den Menschen wohnt. Davon kann bei uns freilich nicht die Rede sein. Wir leben oftmals so, als wäre Gott eine altmodische Idee, als gäbe es Gott nicht in unserem Leben. Wir merken bei allen erfreulichen Erscheinungen eines guten Miteinanders, dass unsere Wirklichkeit, unsere Gemeinschaft brüchig ist. Es gelingt uns nicht immer, lebendig am Gemeinwohl mitzuwirken und die zweite Tafel der 10 Gebote, die das Zusammenleben von Menschen ordnet, hinreichend zu beachten. Mord und Totschlag sind uns wohl fremd, aber Diebstahl, Neid und Untreue finden sich auch in unseren Reihen. Wir schreien und zeigen uns gar kleinlich an, oder wir sind missgünstig und ziehen über andere her. Ein erworbener Friede ist zu bewahren, meinte Wolf von Dalberg, und verzichtete dafür auf sein gutes Recht. Vielleicht können wir von ihm lernen, das Gemeinwohl hier in Essingen an erste Stelle zu setzen, indem wir aufeinander respektvoll Acht geben und miteinander einvernehmlich leben. Dann wird auch hier unsere Lebensqualität hoch und von Dauer sein. Wohlstand ist nicht Reichtum und Friede ist mehr als das Ausbleiben kriegerischer Handlungen. Dieser neue Platz in Nachbarschaft zu dem geschichtsträchtigen Rathaus kann uns in Erinnerung rufen, dass wir uns für unseren Frieden auch engagieren müssen.

Freilich liegt nicht alles in unserer Hand. Die Erbauer des Rathauses haben dies auch gewusst und den Eingang des Rathauses entsprechend geschmückt. Auf der letzte Seite des Liedblattes sehen sie die Inschrift, die sie heute Mittag beim Essenfassen sich noch mal in Ruhe anschauen können:


Schrift über dem Eingang des Rathauses Essingen
Foto: Hackländer


Für ein Rathaus ist dieses Segenswort aus Psalm 121 zunächst ungewöhnlich. Doch wenn die Ratsleute – heute: der Gemeinderat - wie die Bürgerinnen und Bürger der Ortschaft sich damit in Erinnerung rufen, dass der Friede geschenkt ist und letztlich nicht machbar ist, so haben sie ihr Heil vertrauensvoll in Gottes Hand gelegt und sich als seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Verfügung gestellt.

Gott kann uns helfen, dass unser Miteinander vom Geist der Nächstenliebe geprägt ist. Wer sich selbst unter Gottes Segen wünscht, der wird auch allen Egoismus ablegen und die Dorfgemeinschaft in den Vordergrund stellen. Wenn Gottes Geist in unseren Herzen wohnt, dann ist er schon mitten unter uns.

Denn selbst wenn uns diese visionäre biblische Idealvorstellung eines friedlichen Miteinanders unmöglich erscheint, so ist es für den Herrscher der Welt nicht unmöglich. Als Christinnen und Christen können wir nicht nur auf das Friedensreich am Ende aller Tage hoffen, sondern wir können schon hier und jetzt mit dazu beitragen, dass eine Ahnung von diesem Friedensreich bereits aufleuchtet. Dies kann uns gelingen, wenn wir im Glauben die erste und die zweite Tafel der 10 Gebote beachten und so der Nächstenliebe auch die Liebe zu Gott zur Seite stellen.

Füllen wir unseren Glauben mit Leben, füllen wir diesen Platz mit Leben, heute ist dazu eine wunderbare Gelegenheit. Lasst uns feiern ohne Streit und mit viel Lebensqualität, lasst uns ökumenisch verbunden feiern mit allen Generationen, den Jungen wie den Alten, lasst uns feiern im Glauben an den Herrn, der unseren Ausgang und Eingang segnen möge.

Amen.


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